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Wovon ich bis vor kurzem keine Ahnung hatte:


Sphragistik

 

 

 

Um es gleich zu sagen: Sphragistik ist die Siegelkunde und hängt sehr sehr eng mit der Wappenkunde zusammen. Das ist ja völlig klar, denn Wappen und Siegel hatten oftmals die gleiche, wenn nicht die selbe, Symbolik. Hatte einer ein Wappen, so hatte er dieses Zeichen in gewisser Ähnlichkeit auch als Siegel.


Die Siegelkunde wird auch ein Nebengebiet der Diplomatie genannt; eventuell, weil früher die wichtigen Schriftstücke immer versiegelt mit reitenden Boten überbracht wurden. Die Schriftstücke waren dann ein Teil der politischen, aber nicht kriegerischen Auseinandersetzungen oder Einigungen.


Es macht zwar ungeheuer Spaß zu spekulieren, warum nun Sphragistik und Diplomatie eng verbunden sind, aber ich habe trotz alledem fluchs nachgeschlagen: ein Diplomat ist ein von der Regierung beglaubigter Gesandter (da fällt mir der lustige Spruch ein: „....er ist ein Gesandter, aber kein Geschickter.....“) , bzw. Staatsmann. Ein Diplomatiker jedoch ist ein Urkunden-Kundiger. Da haben wir es also: Siegel und Urkunde sind das Nebengebietspaar. Das ist logisch.


Wie auch in der Heraldik wird in der Sphragistik Form, Verwendung und die Rechtsverhältnisse der Siegel behandelt und festgelegt. Wurde bei der Heraldik ausführlich gestritten, wer ein Wappen wie führen darf, wird in der Sphragistik hingegen die Siegelfälschung ausgiebigst behandelt. Ein Wappen zu fälschen ist und war verboten, aber ein Siegel zu fälschen ist nicht nur verboten, es kann sich auch ungeheuer lohnen.


Deswegen wird es streng bestraft und trotzdem gemacht.


Die Tradition des Siegelfälschens geht bis mindestens Anfang des 13. Jahrhunderts zurück. Das ist durch die Schriften mit den Anleitungen, wie man gefälschte Siegel erkennen kann sicher belegt (Siehe die Bulle Licet ad regimen des Papst Innozenz III). Das nützliche an diesen Schriftstücken war, dass sie auch als Anleitungen zum praktischen Fälschen verwendet werden konnten. So hatten alle etwas davon.


Siegel fälschen geht folgendermaßen (Zitat): „Siegel können gefälscht werden, indem von einem echten Siegel ein Abdruck genommen und mit Hilfe dieses Abdrucks ein neues Siegel geprägt wird oder ein neues Siegel frei Hand hergestellt wird.“


Aha.


(Fortsetzung Zitat) „Als Siegelfälschung kann man auch werten, wenn ein echtes Siegel an eine andere Urkunde umgehängt wird oder ein echtes Siegel unberechtigt gebraucht wird, um eine Urkunde zu beglaubigen, die nicht dem Willen des Siegelführers entspricht.“ (Zitatende.)

Quelle: Philosophischen Fakultät der Universität Passau.


Achso.


Um kurz noch ein paar tolle Vokabeln zu erwähnen die mit der Sphragistik einhergehen: Die häufigsten Siegelformen sind rund und spitzoval; eckig und oval hingegen sind selten. Es gibt auf Urkunden aufgedrückte Siegel, aber auch abhangende und anhangende.


Materialkunde der Siegel und die Geschichte der berühmtesten Siegel sparen wir uns diesmal.


Meine persönlichen Erfahrungen mit Siegeln sehen folgendermaßen aus: als Kind bekam ich zu einem relativ großen Anlaß ein Siegelset. Darin enthalten waren eine kleine Stange Siegellack, ein Siegelstempelgriff und ein Siegel. Das war Mitte bis Ende der siebziger Jahre kurz in Mode.

Ich möchte das etwas genauer ausführen.

Mein Stängchen Siegellack war dunkelrot, sah aus wie eine eckige Kerze ohne Docht – was mich verwirrte – und hatte ein florales Prägemuster an einer Seite. Meine beiden älteren Schwestern hatten hellrot.

Das verwirrte mich ebenfalls, denn ich war versucht in Hinblick auf meine Schwestern alles kompetitiv zu betrachten und diskutierte mit mir aus, was nun besser sei: Hellrot oder Dunkelrot. „Besser“ entsprach „Echter“.

Alle meine Ergebnisse wurden von meinen Schwestern kurz und bündig für falsch erklärt, ihre Farbe war in jedem Fall die richtige und kein Argument hielt ihren Erwiderungen stand.


Der Siegelstempelgriff war ebenfalls rot und hatte eine enorm glatte Oberfläche. Heute würde ich sagen es war Plastik. Damals war es für mich schlicht ein äußerst wertvolles Material, da glatt und geschmeidig und schwer.


Die Form war toll.


Am besten trifft „griffelförmig“ zu: zum Griffende hin breiter und angeschrägt; zum Siegel hin schlanker werdend.


Siegel und Griffel wurden verschraubt. Das Siegel selber war aus Messing, also goldfarben, was in jedem Fall „echt“ und wertvoll war. Das Siegel zeigte mein Monogramm in sehr verschnörkelten, ineinander verschlungenen Buchstaben.


Der schlimmste Moment oder die Aneinaderreihung schlimmster Momente war die Entscheidungsfindung das Siegellackstängchen das erste Mal zu benutzen oder es lieber heil zu lassen. Da meine Schwestern sich die Seele aus dem Leib siegelten, entschloss ich mich es ebenfalls zu tun.


Ersteinmal wurde das Dokument vorbereitet. Das bedeutet ein Blatt Papier an allen Seiten anzukokeln, damit es echt aussieht. Manches Schriftstück ging dabei in Flammen auf, aber es gab ausreichend Nachschub, um das ideale Ausgangsmaterial zur Versiegelung herzustellen. Das Dokument wurde anschließend gerollt, keinesfalls geknickt.


Da die Kerze zur Dokumentenherstellung sowieso schon brannte, konnte endlich die Versiegelei anfangen.

Also das Stängchen in die Flamme halten und dann auf das Schriftstück tropfen lassen.

Das konnte ich schon von der wichtigen Marienkäferbastelei (alte rote Weihnachstbaumkerzenstumpen anzünden auf Papier tropfen lassen und anschließend mit schwarzem Filzer Beinchen dranmalen, ideal als Muttertagsgeschenk).

Dann sehr schnell, bevor der Lack kalt wird das Siegel kräftig aufdrücken, dann zurück lehnen und das Werk begutachten. Das war der Moment in dem die Schockstarre einsetzte. Folgendes war passiert: das Siegellackstängchen war schwarz mit hässlichen Wulsten und Tropfen, das goldene Siegel verschmiert und die Schriftrolle platt.


Das Set landete in der untersten Schublade meines Schreibtisches, ganz hinten.