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Wovon ich bis vor kurzem keine Ahnung hatte:

 

Geognostik




Geognostik ist ein tolles Wort, das steht schon mal fest!

Es ist nur leider-leider schwer in entsprechender Literatur zu finden, dafür findet man tolle andere Wörter, die mit Geo- anfangen, zum Beispiel Geometer. Den Begriff kennen wir aus dem Buch „Das Schloss“ von Kafka, denn die Hauptperson war so einer. Heute sagt man auch Vermessungsingenieur, was nicht so gut klingt. Hübsch ist auch Geokorona, das ist die äußere Schicht der Erdatmosphäre in der schwindelerregenden Höhe von 2.000-20.000 Metern. Oder das Geophon. Das macht etwas sehr praktisches: es wandelt nämlich die bei sprengseismo-graphischen Untersuchungen ausgelösten Erschütterungen in elektrische Signale um. Diese hört man dann, deswegen -phon. Eine Geode wiederum ist etwas Hübsches. Hierbei handelt es sich um das glitzernde Loch im Hohlraum eines durchgeschnittenen Riesenedelsteins, mit anderen Worten eine Konkretion von Mineralen in Blasenhohlräumen von Ergussgesteinen.

 

 

Die Geognostik kenne ich aus der Ausstellung über Carl Gustav Carus. Hier wurde ein ganzer Raum so genannt. Die anderen Räume hießen unter anderem „Zeitgenossen“, „Künstlerische Anfänge“, „Zeichnungen“  und „Italien“. Da fiel „Geognostik“ etwas aus dem Rahmen. Aber es gab auch den Raum „Gynäkologie“, was für eine Malereiausstellung ebenso ungewöhnlich ist. Hier hingen allerdings keine Gemälde, sondern es lagen Instrumente der Geburtshilfe in Vitrinen.

 

 

In dem Raum „Geognostik“ wurden recht gute Ölbilder von Felsen und Bergen gezeigt, die Felsengemälde aus dem Raum „Zeitgenossen“ waren allerdings beeindruckender. Herr Carus hat die Berge  ja nicht wegen ihrer Schönheit gemalt, sondern wegen der Gesteinsformation. Darum ging es in der Geognostik. Denn Gnostiker sind diejenigen, die ein systematisch gefasstes Wissen der göttlichen Geheimnisse haben. Dieses Wissen hat man oder hat man eben nicht. Es kann nicht erworben oder durch Erleuchtung erlangt werden.

 

Darum ging es dem Universalisten Carus: alles hängt zusammen. Dies erkennt er und eine Handvoll anderer Gnostiker. Er war nicht nur  Maler, sondern hatte auch den Beruf des Arztes (Geburtshilfe), des Botanikers, des Kranometers, des Morphologen; um nur einige Berufe zu nennen. Er besuchte Vorlesungen der Philosophie, Psychologie und Anatomie. Er korrespondierte mit Alexander von Humboldt und Goethe.

Mit ihm diskutierte er per Brief die verschiedenen Gnostiken.

 

 

Häufig wird erwähnt, dass das, was früher die Geognostik war, heute ein Teilbereich der Geologie ist. Das stimmt leider nicht, denn die Geologie ist die Lehre über die Erdschichten oder die Großgesteinskunde oder das Wissen über die Erdzeitalter. Die Geognostik ist aber eine Erkenntnis. Eine Erkenntnis lehrt man nicht und lernt man nicht, diese hat man und tauscht sie aus mit anderen Geognostikern. Womöglich auch mit Phytognostikern.

Goethe war ein mutmaßlicher Phytognostiker, denn er hat die Urpflanze erkannt, bzw. auf der Italienreise gefunden. Der Glaube an den Urtypus – also die ursprüngliche, aber auch reinste und höchste Form - war unter den Universalisten verbreitet. Von Außenstehenden wurde diese Idee mit Skepsis behandelt. Es wurde sogar die Urfarbe erkannt, die mal Inkarnat, mal „Pfirsichblüt“ genannt wird. Gemeint war die Hautfarbe der Nordeuropäer. (Jaja, jetzt merkt man, wo diese Polygnostik hinführen kann.)

 

 

Die Geognostik ist ein Teil des Systems „höhere Erkenntnis durch Naturschau“. Nichts sollte hierbei einzeln betrachtet werden, alles hängt zusammen. Also macht Herr Carus das und wird folglich als Polyhistor und Polypragmatiker bezeichnet. Polypragmatiker deswegen, da er auch vieles getan hat: gemalt, gezeichnet, Kinder auf die Welt gebracht, Schädel vermessen usw. usf.

 

 

Das Schädelvermessen nennt man Kranometrie. Da stellt man  fest, dass der Schädel eines Afrikaners anders geformt ist, als der eines Nordeurupäers. (Vergleiche: Chromognostik / Urfarbe). Er war auch Polythoeretiker. Er schrieb Bücher über die Zootomie, das ist die Anatomie in der Zoologie, bzw. die Lehre darüber, wie welches Tier aussieht. Über die Konstitutionslehre, das ist die Lehre über die körperliche Verfassung, bzw.  welcher Typ Mensch bekommt welchen Typ Krankheit. Er führt Krankheiten auf Stimmungen zurück, das heißt in diesem Fall auf ein labiles Seelenleben. Dieses erscheint dem Gnostiker auch durch die äußere Form der Person. Zusammenfassend: an der Form eines Menschen kann man erkennen, welches Temperament er hat und ob er wahrscheinlich an Krebs oder an Hirnschlag sterben wird.

 

 

(Ich stelle mir vor ich gehe mit einem Geognostiker in den Alpen wandern, zum Beispiel mit Herrn Carus. Da sehe ich plötzlich einen ganz verrückten Felsen und rufe „ach wie toll!“. Der Geognostiker erkennt aber die Formation und denkt sich seinen Teil. Dann schaut er mich an und erkennt dass meine Hautfarbe – Inkarnat -kein schönes Pfirsichblüt ist und vermisst per Augenmaß meinen Schädel. Weil er mich so komisch anschaut trete ich verlegen zur Seite und dummerweise dabei auf die Urpflanze. Das war´s dann - ab in die Psychiatrie.)

 

 

Heute taucht geognostisch als Adjektiv von Bohrern auf. Diese Bohrer werden für Probelöcher durch  Gesteinsschichten benötigt, vor allem in den Fällen, in welchen man Öl vermutet oder Tunnel graben will und nicht weiß, wie genau die Erde dort unten so ist. Das kann der Bohrer feststellen. Die Bohrer sind also heute zutage die Gnostiker und der Mensch weiß es dann anschließend. Der Gegenstand erkennt, der Geologe benennt.

 

 

Das ist einiges sicherer für Menschen mit schlechter Haut die Gefallen an lustigen Mineralien finden.

 

 

 

Nachbemerkung:

Wikipedia hat keinen Eintrag zu Geognostik.

Die Worte Großgesteinskunde, Polygnostik, Polytheoretiker, Polypragmatiker, Chromognostik und Phytognostiker sind von mir eigenmächtig hinzugefügt und entbehren jeder Quelle.