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Wovon ich bis vor kurzem keine Ahnung hatte:



Glockengießerei



Glocken kennt man, weil sie stören - meist beim schlafen. An Feriennachmittagen findet man den Glockenklang schön, da südländisch und sommerlich. Auch an Weihnachten findet man es schön. Von Fern, weil in diesem Falle winterlich und von Nah, da dann das Geschenkezimmer sofort betreten werden darf. Nicht schön ist, wenn man von einer Glocke von sehr nah und sehr laut zur Ordnung und Besinnung gerufen wird. Denn dann handelt es sich um Gerichtssäle, sinkende Schiffe und Beerdigungen.


Davon hat man Ahnung.


Bei der Gießerei von Glocken ist man wiederum ohne jedes Basiswissen. Es lohnt erst einmal herauszufinden, wer denn mit der Gießerei angefangen hat: das waren die Kesselflicker, welche oft unterwegs waren und ihre Arbeit auf Wanderschaft zu erledigen pflegten.

Die Wanderschaft war bald vorbei, denn wer zieht mit einem Sortiment von Produkten von bis zu 10.000 kg Gewicht herum. Die Gießer der St. Petersglocke des Kölner Doms sind recht schnell sesshaft geworden, denn diese wiegt 24.000 kg. Auch der Klöppelmacher kam nicht wirklich weit, der Kölner Klöppel wiegt allein schon 650 kg.


Kaum gab es Glockengießer fing die Aufspalterei an. Es entwickelten sich Rothgießer und Gelbgießer, manche fingen an Feuerspritzen nebenher zu produzieren, andere wiederum nannten sich Löschspritzenmacher und gründeten zur Erweiterung des Sortiments eine Feuerwehrgeräte-Fabrik.


Heute haben die 7 deutschen Glockengießereien Leistungsspektren welche komplette Gewerke um die Glockenprojekte anbieten, andere welche klangschöne Glockenspiele mit Anziehungskraft und freundlicher Ausstrahlung herstellen und weitere welche Carillon-Glocken in spezieller Rippe machen.


Die Rippe ist bei ein jeder Glocke das Herzstück (Wir erkennen sofort: Glocken verfügen über eine andere Anatomie als Mensch und Tier). Neben den MOLL-, DUR-, Untermoll-Sext, Septime-Rippen, gibt es die Rekonstruktion historischer Rippen und die Spezialrippen, die sich durch eine besonders weiche, harmonische Klangentfaltung auszeichnen und sehr gut für die Ergänzung historischer Glocken geeignet sind.


Wir glauben den Glockengießern das.


Wie ehedem wird das Lehmformverfahren angewendet, dieses ist teilweise geheim. Der Lehm bekommt als Zusatz noch Pferdemist und Rinderhaare. Warum sie dies tun, kann man wiederum überall nachlesen. Große Glocken werden aus Bronze und kleine Glocken werden aus Messing hergestellt.


Das war in der Glockengießerei schon immer so und so ist es auch heute noch.


Jetzt kommt das Neue.


Heute zum Beispiel kann man den zuständigen Glockensachverständigen anrufen.

Zur Verringerung von Körperschallübertragung kann man den Glockenstuhl mit "Mafund-Elementen" ausstatten lassen. Was allgemeine Akzeptanz findet.

Das mechanische Glockenspiel mit Stokkenklavier, welches für einen musikalisch-dynamisch differenzierten Anschlag des Glockenklöppels verantwortlich ist, wurde endlich durch modernste Glockenspiel-Technik, nämlich der elektromagnetische Steuerung durch eine Computeranlage, abgelöst.


Gott sei Dank.


Das besondere an den zeitgemäßen Läutemaschinen ist, dass jetzt die Möglichkeit besteht, die Glocken während des Läutens zu intonieren, da man per Knopfdruck die Ausschwunghöhe verändern kann. Diese Technik verfügt, wie der Hersteller versichert, immer über eine einstellbare Scheibenbremse. Und jetzt kommt der Clou: diese auf Wunsch auch ohne Bremse.

Wir sehen, dass die Glockengießer auf jeden noch so verrückten Kundenwunsch eingehen. Man kann also jederzeit auch nur die Scheibe kaufen.



Wir mögen zwar ein modernisiertes Handwerk erkennen, wir sehen aber auch, dass alte Traditionen hoch gehalten werden.



Es werden nach wie vor Altarschellen, Kirchengongs und Ausschellglocken, die übrigens fast identisch mit Signalglocken sind, gemacht und verkauft. Als Verwendung wird von Seiten der Hersteller der Einsatz in der Landwirtschaft empfohlen. Es wird zusätzlich ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, dass es sich hier auch um beliebte Geschenke zu Geburtstagen, Hochzeiten, Konfirmationen, Vereins- und Firmenanlässen handelt.



Stolz berichtet ein Mitarbeiter und Branchenkenner: „Neben der Landwirtschaft setzen auch Treichel-Klubs auf die Qualität unserer Treicheln“.



Stets bemüht sich der Glockengießer auf den Nominal (1/16 Ton) genau zu gießen und bestehende historische Geläute ausgewogen, harmonisch und wiederum präzise zu ergänzen. Das Läuten eines Geläutes muss ausgewogen sein, darauf wird seit jeher Wert gelegt. Joch, Klöppel und Glocke bilden zusammen mehr als ein schönes Musikinstrument. Es ist ein kunsthandwerkliches Ensemble.



Das Unglaubliche, welches einen vor Glück in den Wahnsinn treiben kann, ist folgendes: mit Lieferung des fertigen Geläuts - inklusive des Holzglockenstuhls zur besseren Klangentfaltung und eventueller Schallläden zur gezielten Klangausbreitung – ist die Arbeit und Sorge für Kunden nicht beendet!

Sie geben Tipps für ein weiches Anläuten, ein schonendes Läuten und das Abbremsen erforderlicher Läuteparameter. Sie fügen wörtlich hinzu: „Gern informieren wir Sie auch über die Möglichkeit, mit Hilfe von Kronenglöckchen als Baustein weitere Mittel für Ihr Glockenvorhaben zu sammeln.“

Netter geht es nicht.



Ich zitiere einen großen Glockengießereibetrieb: „Eine regelmäßige Wartung und Pflege Ihrer Glocken- und Läuteanlage ist Voraussetzung für deren Erhalt und erhöht die Läutesicherheit. Der Abschluss eines Geläute-Wartungsvertrages wird vom Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen und der Berufsgenossenschaft empfohlen. Durch geeignete schwingungs-reduzierende Maßnahmen am Geläute verhindern wir teure Schäden.“ Wahnsinnig lieb.



Und gratis mitgeliefert wird die Glocken-Wartungs-Checkliste und der Kontakt zu PROBELL.



Wir wissen nun folgendes und das endgültig: der Glockengießer macht weit mehr als eine Riesenbimmel mit Joch, Klöppel und Armatur. Der Glockengießer kümmert sich über Generationen um das Wohl, die Läutesicherheit und die Geschenkeideen seiner Glockenkunden.