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Wovon ich bis vor kurzem keine Ahnung hatte:

 

Epigraphik




Graphik ist allgemein bekannt und Epi- leitet man sich eben her.


Ich tippe auf „außen-“ (wegen Epidermis).

Also alle Schrift, die außen angebracht ist. Hat man einen ökologisch korrekten Joghurt so liest man im Laden die Epigraphik zu Geschmack, Herkunft und Fettgehalt. Hat man den Joghurt gekauft und gegessen und verhält sich auch in der Entsorgung korrekt, so löst man die Papier-hülle von dem Plastikbecher und liest die Innenseite, dann hat man die so genannte Subgraphik vor sich. Hört sich nicht plausibel an.


Nächster Versuch: „sich ausbreitend“ (wegen Epidemie), das ist also Schrift, die sich verbreitet. Da hätten wir Flugblätter, Kettenbriefe und Schriftzeugnisse des viralen Marketings. Ebenfalls nicht überzeugend.


Letzter Versuch: Schrift die „göttlich erscheint“ ( wegen Epiphanie). Dazu gehören Laufbänder in Wettbüros, Nachrichtenticker auf Bildschirmen und blinkende Neonreklamen von tollen Sachen.

Abermals muss der Versuch gelobt, das Ergebnis jedoch verworfen werden.


Da ich auf diejenigen Mitbürger Rücksicht nehme, die Vermutungswissen hassen und nur auf fundiertes, kanonisiertes und zitierbares Wissen wert legen, welches aus gesicherte Quellen stammt, hier nun die Ergebnisse der etymologischen Recherche:


Punkt eins: epi-, ep- ε'π !ἐπί × örtlich: auf, an, bei, bis, zu, gegen, darüber, hinzu / zeitlich: zu Zeit von, unmittelbar nach, bis, über … hin / übertragen: auf Grund, zu dem Zweck, darüber, hinzu

Punkt zwei: Epigraphiken sind die Schriften, die nicht geschrieben und nicht gedruckt sind.

Punkt drei: Epigraphik ist ein Teilgebiet der Paläographie

Punkt vier: Epigraphien sind Inschriften, Epigraphik ist die Inschriftenkunde.


Könnte man bei Punkt zwei noch vermuten, dass es sich um ausschließlich gestempelte Mitteilungen handelt, ist man spätestens bei Punkt vier sicher: auch gemeißelt geht.


Epigraphien findet man folglich an Bauwerken (Kirchen, Schlössern und Burgen, an Rathäusern, Stadtmauern, Denkmälern und seit dem 14. Jahrhundert auch an Privathäusern) Die Inschriften sind in Stein, Metall (z.B. Bronzetüren) und Holz (z.B. Fachwerkbalken) gemeißelt, geschnitzt und geritzt. Sie geben Auskunft über den Erbauer (teilweise auch mit Wappen......ein Glück hatten wir Heraldik schon!) oder haben religiöser Inhalt wie Segenswunsch oder Ablaß. Ebenfalls wichtig sind Inschriften bei Urkunden, Gewichten und Maßen.


Aber da die Epigraphik ein viel größeres Gebiet ist, als ich mir jemals erträumt hatte kommen noch einige andere Teilgebiete hinzu. Ich bin erschüttert, dass ich von dieser ganzen Sparte noch nichts wusste.


Der nächste Unterbereich der Epigraphik sind die Flurdenkmäler und dazu gehören Dinge , die wir alle kennen und nie beachtet haben: Grenzsteine, Steinkreuze, Bildstöcke und vor allem die von mir heißgeliebten Hochwassermarken.


Zu den letztgenannten muss ich etwas sehr persönliches sagen: Mein sehnlichster Kindheitstraum war einmal in unserem Haus ein saftiges Hochwasser zu erleben. Ich stellte mir Nachmittage lang vor, vom Bad in mein Zimmer zu schwimmen, am Kleiderschrank im Flur vorbei. Um mir das selbst besser zu veranschaulichen, musste ich auf dieser Strecke die Wasserlinie mit Bleistift aufzeichnen. Es war, wie ich jetzt weiß keine epigraphische Hochwassermarke, sondern lediglich eine graphische und dazu noch eine temporäre.


Ich liste weitere Unterbereiche grob auf und es wird klar werden, wir wissen mehr über Epigraphik, als wir vermuten :


a) Grabinschriften, das ist nahe liegend und bekannt, hat jeder schon mal gesehen und weiß genau, was das ist.


b) Glocken. Da sage ich nur: Ausflüge im Fach Heimatkunde, was konnte einem schlimmeres passieren in der vierten Klasse Glocken gucken gehen?


c) Kunstwerke, insbesondere Reliquiare und Altarbilder.

Bei den Reliquiaren stelle ich mir die goldenen Kästchen mit verschließbarem Deckel vor, die in den Vitrinen stehen. Inhalt sind gerüchteweise jahrhundertealte Körperteile von Heiligen und jahrtausendealte Holzsplitter. Das Metall hat Inschriften zu Inhalt und Spender. Aber wer genau wissen will, wie die Reliquiare aussehen und sich eventuell eins kaufen möchte, kann bei dem Ansbacher Händler Kirchenbedarf-Friedrich.de reinschauen, die haben laufend Sonderangebote.


d) Zu guter Letzte kommen wir zu den Gebrauchsgegenständen wie Schwerter, Fibeln, Ziegelstempel und Gewandsäume. Ich hake das nacheinander ab: Schwerter sind klar. Fibeln sind hier nicht die Lesebücher für Schulanfänger, sondern die Verschlußspangen. (Ein astreines Teekesselchen). Ziegelstempel sind Herstellermarken und schon auf römischen Ziegeln zu finden. Sie sind wichtig für die Ziegelforschung und genau da müsste man mal nachhaken. Gewandsäume, tja, bei aller Phantasie...aber einen gemeißelten, geritzten oder geschnitzten Gewandsaum als Gebrauchsgegenstand übersteigt meine Vorstellungskraft. Also lassen wir das mal so stehen und vertrauen den Experten der Universität Passau.


Das Epigraphieren ist aber hier auf jeden Fall von der Inskribtion zu unterscheiden, die das Einschreiben ( z.B. an einer Universität) meint.


Das eine ist also das Schreiben in ein Material und das andere das Schreiben in ein Anmeldeformular.


Da die Epigraphik die Inschriftenkunde ist, muß man sich wohl oder übel mit der Schrift an sich auseinander setzen. Angehörige der Universität Passau formulieren ihr Wissen folgendermaßen:


Die Standardschrift der antiken und frühmittelalterlichen Inschriften ist die Capitalis, und zwar gewöhnlich als Capitalis monumentalis (quadratförmige Buchstaben), seltener als Capitalis actuaria (hochrechteckige Buchstaben). Als das klassische Beispiel der Capitalis gilt die Inschrift auf der Trajanssäule in Rom. Im Mittelalter dringen immer mehr Formen der Unziale ein, bis sich schließlich im 13. Jahrhundert die gotische Majuskel herausgebildet hat.“


Wissenschaftler der Universität Wien drücken es so aus:


Die Unziale war lange Buchschrift des frühen Christentums. Ihr Entstehen ist noch nicht ganz geklärt. Sie dürfte aber griechisch - römischen Ursprungs sein. Von der Unzialen gibt es zahlreiche Variationen. Besonderen Anklang fand die Schrift, wie auch die Halbunziale in England und Irland. Wir bezeichnen diese besonderen Formen als insulare Majuskel und insulare Minuskel. Noch heute ist die Unziale bei gläubigen Christen beliebt. Ob Pfarrfest oder Anschlagtafel - mahnender Spruch oder freudiger Text, mit dieser Schrift liegt man richtig!“


Das sind meiner Meinung nach Altertumsforscher die die Verbindung zur heutigen Zeit nicht abreißen lassen und ihrer Forschung eine gewisse Aktualität verleihen können.


Respekt.


Aber zurück nach Passau:

Als Mittel, Platz zu sparen, bedienen sie sich der Abkürzungen, darüber hinaus aber auch der Ligaturen und Enklaven.“ Bei Ligaturen fügt man zwei Buchstaben so zusammen, dass man ein „L“ malt und oben dran noch einen dicken waagerechten Balken. Schon hat man ein zusätzliches „T“.


Zum Beispiel.


Bei Enklaven malt man einen Buchstaben in den anderen hinein. Zuerst ein „D“ und in den fertigen Buchstaben ein kleines „G“.


Auch nur ein Beispiel.


Dafür gab es Schreibmeister, die haben das Verfeinert und immer Weitererfunden. Dürer war so einer.


Jeder Typograph dreht jetzt vor Freude durch.


Ich stelle mir also vor, ich bin ein Schreibmeister und will eine Einladung verschicken. Ich nehme dazu insulare Minuskeln. Ich habe mir einen schönen Text ausgedacht; dafür reicht der aber Platz nicht, also kürze ich was das Zeug hält und bediene ich mich aller Tricks der Ligaturen und Enklaven. Hallo mache ich als Ligatur. Freunde als Enklave. Dann schnell Datum, Ort und die Aufforderung zu kommen in Unzialen, denn es ist ein mahnender Text und freudiger Spruch. Ich feiere diesmal nur in kleinem Kreis, denn so eine Einladung zu meißeln ist trotz der Beschränkung auf das Wesentliche mühselig.